Die Zeidler |
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Zugegeben, es ist schwierig, die Bienenhaltung der Zeidler und die heutige Bienenzucht der Imker unmittelbar zu vergleichen. Dazu ist es notwendig, einige Jahrhunderte zurückzublicken.
Ihre Ursprünge hatte die Zeidelei an verschiedenen Orten, unabhängig voneinander. Diese spezielle Art der Sienenhaltung hielt sich am längsten in den ausgedehnten Wäldern Nord- und Osteuropas. Hier soll aber nur eingegangen werden auf die Zeidelwirtschaft im Nürnberger Raum. Urkundliche Belege geben an, daß das Nürnberger Umland mit dem ausgedehnten Reichswald geradezu vortrefflich ideale Bedingungen geboten hatte. Man mag sich natürlich fragen, warum die Zeidlerei gerade in dem uns heute bekannten "Steckerleswald" höchste Perfektion finden konnte. Der alte Reichswald war ursprünglich kein kahler Föhrenstangenforst, sondern ein sehr artenreicher Mischwald mit stellenweise ausgedehnten, unwegsamen ,Sumpfgebieten (z.B. heutiges Dutzendteichgelände). Üppiges Erlen- und Weidengestrüpp lieferte schon sehr frühzeitig die wichtige Pollentracht. Der Wert der Weidenkätzchen für die Bienen war sehr bald erkannt. Kaiser Karl IV. ließ 1350 diese Pflanze sogar unter Schutz stellen. Eine unberÜhrte Natur mit äußerst vielseitiger Flora stand den Bienen vom Frühjahr bis zum Spätherbst zur Verfügung. Das mag sicher ein Hauptgrund dafür gewesen sein, daß gerade das Nürnberger Land mit seiner uralten Zeidlertradition des "Deutschen Reiches Bienengarten" wurde eine Voraussetzung wiederum für die berühmte Honigkuchenbäckerei und Lebküchnerei.
Das Zeidelwesen ist eine Sonderform der Waldbienenwirtschaft. Die Zeidler, auch Beutner genannt, machten sich das natürliche Verhalten wilder Bienenschwärme zunutze, sich in Baumhöhlungen einzunisten, und " präparierten" auf diese Weise, der Natur etwas nachhelfend, bestimmte Bäume. Das sah so aus, daß der Zeidler sich gesunde, glatte und hohe Bäume aussuchte, meist Kiefern und Fichten, diese wegen der Windbruchgefahr "entwipfelte" und darin Bienenwohnungen,Beuten genannt, anlegte.
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Mit einem speziell geformten Beil wurden mehrere Höhlen übereinander in den Stamm gehauen. Ein Brett verschloß jeweils die Beute, nur eine kleine Öffnung diente als Flugloch. Bis zur Schwarmzeit blieben die Beuten zum Trocknen offen. Anschließend rieb man sie mit Kräutern aus. Frisches Reisig, das um die offenen Beuten gewickelt wurde, sollte neue Bienenschwärme anlocken. In ganz früherer Zeit mußte ein wildes Bienenvolk "abgetrommelt" bzw. durch Ausräuchern ganz vernichtet werden, wollte der Zeidler an den Honig herankommmen. Eine ökonomischere und bienenschützende Art des Honiggewinns lag in der "Entnahme- oder Zeidelmethode". Das Wart "zeideln" (= entnehmen, abzapfen) wird in Niederbayern z.B. heute noch für das Melken der Kühe verwendet. Der Zeidler erstieg bei der Honigernte den Baum an einem Seil, in das ein Brett eingeflochten war, auf dem er für seine Tätigkeit gut sitzen konnte. Mit dem Zeidelmesser schnitt er aus dem Wabenbau im einen Jahr die linke Hälfte ganz heraus, im nächsten Jahr die rechte. Von der anderen Seite nahm er jeweils nur den unteren Teil so weit weg, bis "die Milch floß", d.h. bis die Brut kam. Das Abschneiden der Wabenhälften sollte die Bienen zum erneuten Anbauen anregen. Mit Hilfe von Rauch wurden die Bienen bei der Honigentnahme zeitweilig ferngehalten. Grundsätzlich wurde immer erst im Frühjahr gezeidelt. Es wurde also nur der Honig entnommen, den die Bienen als Vorrat nicht selbst verbraucht hatten. |
Über einen langen Zeitraum waren die Zeidelhuben dem Kaiser unterstellt. Auf dem Hintergrund der Tatsache, daß Honig als alleiniges Mittel zum Süßen verwendet wurde (Zuckerrohr und Zuckerrübe waren noch nicht bekannt), ist es leicht zu verstehen, welche Bedeutung der Kaiser dem Zeidelwesen zuschrieb. Beispielsweise faßte Kaiser Karl IV. 1350 in einem umfangreichen Schriftstück die besonderen Richtlinien und Vorrechte der Zeidler zusammen. Später allerdings verpfändete der Kaiser die Einkünfte der Zeidler, das Reichshoniggeld an Arnold von Seckendorf, dieser weiter an den Burggrafen von Nürnberg. Die Pflicht, dem Kaiser zu dienen, bestand jedoch weiterhin, auch wenn die Burggrafen nun als Lehensherren auftraten. Das Zeidelgut blieb Erblehen vom Reich, konnte also nicht veräußert werden. Ihrer direkten Verpflichtung dem Kaiser gegenüber mußten die Zeidler in Krisenzeiten nachkommen, wenn sie mit Armbrust und Pfeil zum Kampfe antraten. Ihr Privileg dabei bestand darin, daß sie nahe bei ihrem Zeidelgut eingesetzt wurden, um für die Bienenvölker sorgen zu können. Diese unmittelbare Verbundenheit zwischen Kaiser und Zeidlern wurde so hoch eingeschätzt, daß auch heute noch Abbildungen eine große Rolle spielen, die den"wehrhaften Zeidler" zeigen, nicht aber den Zeidler bei der Ausübung einer typischen Tätigkeit (Siehe Abb. ).
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Aus der bedeutungsvollen Tradition des Zeidelwesens heraus ist auch die Einrichtung einer eigenen
Gerichtsbarkeit zu verstehen. Der Marktflecken Feucht im Lorenzer Wald bildete etwa 500 Jahre lang
einen bedeutsamen Mittelpunkt für das Gericht der Zeidler. Ihm waren nicht nur die Zeidler, sondern die ganze
Bevölkerung unterstellt. Die angelegten Maßstäbe waren sehr streng. Das Zusammentreten des Gerichts war
stets durch äußerst feierliches Zeremoniell geprägt. Im Jahre 1796 wurde das Zeidelgericht aufgelöst, zu
einem Zeitpunkt erst, als die Waldbienenpflege im Sinne der alten Zeidelwirtschaft schon aufgehört hatte.
Daß gegen Ende des 18. Jahrhunderts das Zeidelwesen mehr und mehr verfiel, hatte einige zentrale Gründe: Ein wichtiger Fortschritt zur einfacheren Honiggewinnung lag im Heraussägen von Stammstücken aus umgestürzten Bäumen. Diese "Klotzbeuten" nahm der Zeidler mit nach Hause. So entwickelte sich allmählich die "Garten- oder Hausbienenzucht". Die heute noch gebräuchliche Bezeichnung "Bienenstock" geht auf diese Zeit der Klotzbeute zurück.
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Das Imkern in einfachen Beuten, ob in Röhren, in Baumhöhlungen, in Klötzen oder in Strohkörben, hatte sich viele Jahrhunderte gehalten. Dabei war die Pflege der Bienen in erster Linie darauf ausgerichtet, den Schwärmen eine Wohnung zu bieten, sie möglichst weitgehend vor Schädlingen und Feinden zu bewahren und ihnen durch den Standort eine ausreichende Tracht zu ermöglichen. Die wirtschaftliche Bedeutung der Bienenhaltung war bis Ende des 18. Jahrhunderts ausschließlich von Honig und'Wachs bestimmt. Dem Imker war es jedoch nicht möglich, ohne Zerstörung des mehr oder weniger wirr gebauten Wabenwerks an den Honig heranzukommen, bzw. die Vorgänge im Bienenstock zu beobachten. An diesem Problem setzte eine rege Forschertätigkeit an. Von hier aus wurde die Imkerei zu ihrer heutigen Hochblüte geführt, wobei Hobbyimker und Wissenschaftler den Erkenntnisprozeß gemeinsam vorantrieben. Als ein Schwerpunkt heutigen Imkerverständnisses ist die Sicht der Biene im Gesamtzusammenhang der Natur hervorzuheben. Nicht umsonst stellten daher die Imker ihre Teilnahme am Festzug in Wilhermsdorf unter folgenden Leitspruch: Schützt die Bienen Bienen schützen die Umwelt!
Hans Auerochs
Literatur:
*Institut für Fränkische Landesforschung an der Universität Erlagen:
Jahrbuch für Fränkische Landesforschung, Band 16. Erlangen 1956.
* Conrad Scherzer (Hrsg.):
Franken. Land, Volk, Geschichte, Kunst und Wirtschaft. Band 1. (2) 1962.
* Gisela Droege: Das Imkerbuch. Wissenswertes aus allen Teilgebieten der Imkerei.
VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag 1984 , DDR - Berlin
(Lizenzausgabe J. Neumann Neudamm BmbH, Melsungen).
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